Präsentationen scheitern selten am Thema. Sie scheitern an Haltung, Eitelkeit, Bequemlichkeit und der festen Überzeugung, dass 84 Folien automatisch Kompetenz ausstrahlen. Genau dort beginnt das Elend. Nicht leise, nicht subtil, sondern mit Ansage.
Hier kommen 10 provokante Thesen, die das Problem auf den Punkt bringen:
- Viele Präsentationen dienen dem Ego des Vortragenden, nicht dem Publikum.
- Folien ersetzen Denken.
- Wer alles sagt, sagt am Ende nichts.
- Zahlenkolonnen gelten noch immer als Ersatz für Relevanz.
- PowerPoint verführt Menschen zu optischer Umweltverschmutzung.
- Fachsprache tarnt Unsicherheit erstaunlich zuverlässig.
- Viele Vortragende verwechseln Informationsmenge mit Wirkung.
- Dramaturgie endet oft schon nach der Titelfolie.
- Das Publikum erlebt in vielen Vorträgen vor allem eins: Zeitverlust.
- Schlechte Präsentationen entstehen nicht aus Zufall, sondern aus Gewohnheit.
These 1: Viele Präsentationen dienen dem Ego des Vortragenden, nicht dem Publikum
Der Vortrag beginnt, und nach drei Minuten kennt der Raum bereits die gesamte Abteilungsstruktur, die Projektgeschichte seit 2017 und jede interne Bezeichnung, die außerhalb des Unternehmens kein Mensch versteht. Großartig für das Selbstbild. Katastrophal für die Aufmerksamkeit. Wer so präsentiert, stellt nicht die Frage: Was braucht mein Publikum jetzt? Stattdessen dominiert ein anderer Impuls: Seht her, was wir alles gemacht haben. Das Ergebnis wirkt wie ein gepflegter Monolog in Folienform.
Ein typisches Beispiel: Eine Führungskraft stellt ein neues Vorhaben vor und startet mit 12 Minuten Kontext. Das Publikum wartet auf die eine entscheidende Frage: Was ändert sich für uns? Die Antwort taucht erst auf Folie 19 auf. Zu diesem Zeitpunkt kreisen viele Gedanken bereits um Kaffee, Mails oder Fluchtwege.
These 2: Folien ersetzen Denken
Manche Präsentationen wirken wie die digitale Version einer Schublade, in die alles hineingeworfen wurde. Diagramme, Screenshots, Prozesspfeile, Logos, Bulletpoints, Tabellen. Hauptsache sichtbar. Die Folie übernimmt dabei eine erstaunliche Rolle: Sie soll Ordnung vortäuschen, wo im Kopf längst Chaos regiert. Das Problem zeigt sich sofort. Wer nicht klar gedacht hat, präsentiert unklar. Wer unklar präsentiert, verliert sein Publikum. Und wer sein Publikum verliert, redet trotzdem weiter, als ließe sich Wirkung mit Beharrlichkeit erzwingen.
In Workshops höre ich oft Sätze wie: „Wir haben alles draufgeschrieben, damit nichts fehlt.“ Genau dort liegt der Fehler. Wenn alles draufsteht, fehlt fast immer das Entscheidende: eine erkennbare Linie.
These 3: Wer alles sagt, sagt am Ende nichts
Viele Präsentationen leiden an einem alten Reflex: lieber zu viel als zu wenig. Also wandert jede Nebeninformation in den Vortrag. Jeder Einwand erhält Platz. Jede Zahl darf mit. Jede Folie trägt noch schnell eine Zusatzbox, falls jemand fragt. Das Ergebnis erinnert an ein Buffet, auf dem Sushi, Sauerbraten, Vanillepudding und Oliven gleichzeitig liegen. Rein technisch existiert viel Auswahl. Praktisch verliert jeder den Appetit.
Ein Vertriebsleiter präsentiert Quartalszahlen und ergänzt jede Folie mit Erklärungen zu Markt, Team, Historie, internen Prozessen und drei Sonderfällen. Nach 25 Minuten weiß der Raum zwar sehr viel, aber nichts mehr mit Priorität. Niemand erkennt den Kern. Niemand erinnert die Botschaft. Alle erinnern die Länge.
These 4: Zahlenkolonnen gelten noch immer als Ersatz für Relevanz
Zahlen beeindrucken. Zumindest theoretisch. In der Praxis betäuben sie häufig. Vor allem dann, wenn sechs Diagramme gleichzeitig um Aufmerksamkeit kämpfen und jede Achse aussieht wie ein Rätsel aus einem Intelligenztest. Viele Vortragende lieben Zahlen, weil Zahlen objektiv wirken. Das Publikum liebt Zahlen nur dann, wenn sie eine Geschichte tragen. Ohne Einordnung bleiben sie Dekoration mit Excel-Hintergrund.
Stellen Sie sich folgende Szene vor: Ein Projektverantwortlicher zeigt eine Tabelle mit 47 Werten. Er blickt stolz in die Runde und sagt: „Hier sehen Sie die Entwicklung sehr deutlich.“ Nein, sieht niemand. Der Raum sieht kleine Schrift, viele Spalten und einen kollektiv sinkenden Blutzucker.
These 5: PowerPoint verführt Menschen zu optischer Umweltverschmutzung
Nicht jede Folie braucht fünf Farben, drei Schriftarten, Schatten, Icons, Verlaufsflächen und ein Foto von einem Handschlag vor Skyline. Trotzdem begegnet uns genau diese Ästhetik noch immer mit bewundernswerter Ausdauer. Schlechte Gestaltung lenkt nicht nur ab. Sie zerstört Vertrauen. Wer eine wichtige Botschaft auf einer Folie präsentiert, die aussieht wie ein Messestand von 2009, sendet eine ungewollte Zusatzbotschaft: Präzision spielte heute keine Hauptrolle.
Ein Klassiker aus dem Alltag: Die Titelfolie glänzt in dunkelblauem Farbverlauf, dazu ein Pfeildiagramm, Cliparts und ein Slogan wie „Together towards future excellence“. Schon vor dem ersten Satz ahnt der Raum: Das hier wird lang.
These 6: Fachsprache tarnt Unsicherheit erstaunlich zuverlässig
Sobald Inhalte heikel oder komplex wirken, wächst in vielen Präsentationen der Nebel. Dann fallen Begriffe wie „Synergiehebel“, „ganzheitliche Roadmap“, „skalierbare Alignment-Prozesse“ oder „strategische Enablement-Logik“. Das klingt wichtig. Es sagt nur fast nichts. Hinter diesem Sprachstil steckt oft kein Stil, sondern Schutz. Unklare Sprache schafft Distanz. Distanz schützt vor Angriff. Wer sich nicht festlegt, bietet weniger Angriffsfläche. Für das Publikum bleibt dennoch ein schaler Eindruck zurück: viel Luft, wenig Aussage.
Ein Bereichsleiter sagt in einer Townhall: „Wir schärfen aktuell unsere operative Exzellenz entlang kundenzentrierter Prioritäten.“ Der Satz steht geschniegelt im Raum und verrät dennoch nichts. Jeder nickt höflich. Niemand weiß mehr als vorher.
These 7: Viele Vortragende verwechseln Informationsmenge mit Wirkung
Wirkung entsteht nicht durch Masse. Wirkung entsteht durch Klarheit, Zuspitzung und Präsenz. Trotzdem bauen viele ihren Vortrag wie einen Umzugstransporter: alles rein, Klappe zu, losfahren. Das Publikum erlebt dadurch keinen Erkenntnisgewinn, sondern Überforderung. Zu viele Informationen erzeugen selten Respekt. Sie erzeugen Müdigkeit. Und Müdigkeit trägt bekanntermaßen keine Begeisterung nach draußen.
Besonders sichtbar wird das in Fachvorträgen. Ein Experte kennt sein Thema bis ins letzte Detail und liefert darum jedes Detail mit. Fachlich wirkt das solide. Rhetorisch wirkt es wie ein Wasserfall auf Dauerbetrieb. Nach kurzer Zeit steigt niemand mehr aus, weil alle längst innerlich ausgestiegen sind.
These 8: Dramaturgie endet oft schon nach der Titelfolie
Der Titel klingt vielversprechend. Dann folgt der Absturz. Agenda. Agenda-Unterpunkt. Zielbild. Vorgehen. Methodik. Rückblick. Detailteil 1 bis 7. Fragen. Ende. Diese Dramaturgie besitzt ungefähr so viel Spannung wie ein Teppichboden. Menschen folgen Spannung, Reibung, Kontrast und Entwicklung. Viele Präsentationen liefern stattdessen Verwaltungsprosa in Folienform. Jeder Übergang klingt gleich. Jede Folie startet bei null. Kein Zug, keine Fallhöhe, kein Moment, der hängen bleibt.
Ein schönes Beispiel liefert die klassische Statuspräsentation. Bereits nach der zweiten Folie spürt der Raum: Hier passiert nichts mehr außer Fortschrittsfarben. Gelb, grün, rot. Das Einzige, was noch überrascht, ist die Frage, wie 40 Minuten daraus werden.
These 9: Das Publikum erlebt in vielen Vorträgen vor allem eins: Zeitverlust
Das klingt hart. Es trifft dennoch häufig zu. Schlechte Präsentationen rauben Fokus, Energie und Geduld. Sie blockieren Entscheidungen, statt sie vorzubereiten. Sie verlängern Meetings, statt sie zu verdichten. Und sie hinterlassen den Eindruck, dass Reden wichtiger war als Führen. Gerade Entscheider reagieren darauf empfindlich. Nicht aus Ungeduld, sondern aus Erfahrung. Wer in kurzer Zeit keine Relevanz erzeugt, verliert Autorität. Ein Vortrag ohne klare Richtung kostet weit mehr als Minuten. Er kostet Vertrauen.
Jeder kennt diese Szene: Der Vortrag endet, der Raum bleibt still, dann fällt der erste Satz: „Danke für die vielen Informationen.“ Das klingt höflich. In Wahrheit klingt es oft wie die elegante Schwester von „Das war leider unerquicklich.“
These 10: Schlechte Präsentationen entstehen nicht aus Zufall, sondern aus Gewohnheit
Das ist vielleicht die unfreundlichste These. Und zugleich die ehrlichste. Viele schlechte Präsentationen entstehen nicht an einem schlechten Tag. Sie entstehen aus Routinen, die niemand mehr hinterfragt. Man übernimmt alte Foliensätze, alte Sprachmuster, alte Dramaturgien und alte Ausreden gleich mit. Genau deshalb sehen so viele Vorträge gleich aus. Gleiche Agenda. Gleiche Textwüsten. Gleicher Tonfall. Gleiche Wirkungslosigkeit. Das Erschreckende daran: Viele Teams bemerken diesen Standard nicht einmal mehr. Sie nennen ihn professionell, weil er bekannt wirkt. Doch bekannt heißt nicht stark. Bekannt heißt oft nur: lange geduldet.
Wer regelmäßig präsentiert, prägt mit jedem Auftritt ein Bild von Führung, Klarheit und Wirkung. Genau dort entscheidet sich, ob Menschen zuhören, folgen und Vertrauen fassen oder innerlich schon beim zweiten Absatz auf Abstand gehen.
Der Elephant im Raum
Keine These, sondern leider Gewissheit: Unternehmen investieren nicht oder zu wenig in die Präsentationsfähigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine PowerPoint-Schulung ist keine Präsentationsschulung, dafür ist sie aber günstig. Kein Unternehmen würde Mitarbeiter ins Ausland delegieren und sich auf die vorhanden Englisch-Schulkenntnisse verlassen. Ungeschulte Mitarbeiter haben im Rahmen von Schule und Studium vielleicht sechs- bis siebenmal präsentiert, wenn überhaupt. Immer mit der inneren Haltung: Hoffentlich ist das bald vorbei.
So gewinnt man keinen Blumentopf und man hebt sich auch nicht aus der Masse des Wettbewerbs heraus, der es zum Glück auch nicht besser macht.
Wenn Sie Ihre Wirkung vor Publikum nicht dem Zufall, alten Gewohnheiten, Erfahrungen aus der Schulzeit als Klassensprecherin oder Klassensprecher oder gar Folienfriedhöfen überlassen wollen, dann richten Sie Ihren Blick auf Ihr gesamtes Auftreten: Struktur, Sprache, Präsenz und Zuspitzung. Genau dort setzt wirksames Präsentationscoaching an.
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