Warum emotionsfreie Kommunikation scheitert – und wie Sie besser und wirksamer sprechen

Gefühle? Bitte draußen bleiben!

In der Oberstufe hieß es: Debatten brauchen keine Emotionen. Nur Fakten. Im Studium dasselbe Spiel. Wissenschaftlich heißt: emotionsfrei. Hoch lebe die gefühlsbefreite Kommunikation. Nur im Marketing war Emotion erlaubt. Und in einem Kommunikationskurs dann der Wendepunkt: Man kann gar nicht emotionslos kommunizieren. Man kann nur so tun als ob. Schulz von Thun lässt grüßen. Jede Botschaft, die wir aussprechen, transportiert neben dem sachlichen Inhalt immer auch etwas von unserer Haltung, unseren Gefühlen und unserer Beziehung zum Gesprächspartner. Selbst wenn Sie mit neutraler Stimme und unbewegtem Gesicht sagen: „Ich präsentiere Ihnen nun die Ergebnisse der letzten Quartalsanalyse“, schwingen Tonfall, Mimik und Körpersprache mit. Vielleicht hört Ihr Gegenüber: „Das interessiert mich selbst nicht“ oder „Ich habe keine Lust dazu“. Vielleicht aber auch: „Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben“.

Unsere Zuhörer empfangen nicht nur Worte. Sie lesen zwischen den Zeilen. Sie interpretieren Gesten. Sie nehmen wahr, wie viel Leidenschaft, Ärger oder Freude in unserer Stimme liegt. Genau deshalb funktioniert der Versuch, „neutral“ zu kommunizieren, nicht. Er erzeugt Unsicherheit. Denn sobald Emotionen fehlen, sucht das Gegenüber unbewusst nach dem, was nicht ausgesprochen wurde. Und genau da beginnen Missverständnisse.

Wer also in einem Vortrag „emotionslos“ spricht, sendet trotzdem eine emotionale Botschaft – meist eine kalte, distanzierte. Und das ist selten hilfreich, wenn es darum geht, Menschen zu überzeugen oder mitzureißen.

Und heute? Heute glauben viele immer noch: Berufliche Reden, Präsentationen, Diskussionen müssen sachlich, kühl, distanziert bleiben. Das Gegenteil ist der Fall. Wer keine Emotion zeigt, verliert. Nicht weil er nicht weint, sondern weil er sein Publikum nicht erreicht.

Wenn Worte verpuffen: Ein echtes Beispiel

Eines der schlimmsten Beispiele aus meinem Berufsleben: Eine Mitarbeiterversammlung. Der Geschäftsführer tritt ans Mikrofon. Er liest vom Blatt:

„Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wir bedauern es sehr, aber die wirtschaftliche Lage des Unternehmens bedingt, dass wir unsere Personalkosten um ein Drittel reduzieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Erste Zwischenrufe: „Und was ist mit den Managergehältern?“ „Wer hat uns in diese Situation geführt?“

Unbeirrt liest er weiter:

„Ich danke denen, die uns verlassen werden, für ihre geleistete Arbeit und wünsche Ihnen alles Gute für Ihre berufliche Zukunft. Diejenigen, die betroffen sind, werden in den kommenden Tagen in die Personalabteilung gebeten, um die Details zu besprechen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Verständnis.“

Dann verlässt er den Raum. Sprachlosigkeit. Tränen. Empörung.

Ein Kommunikationgenie? Eher das Gegenteil. Gefühlsarmer, distanzierter hätte er nicht auftreten können. Diese Ansprache traf niemanden. Sie wirkte wie ein Verwaltungsakt.

Wie hätte er es besser machen können?

Ein menschlicher Einstieg: „Ich stehe heute hier mit einer der schwierigsten Nachrichten meiner gesamten Laufbahn. Ich weiß, wie viel jeder von Ihnen täglich leistet. Umso schwerer fällt mir, was ich sagen muss.“

Eigene Betroffenheit zeigen: „Dieser Schritt tut weh. Auch mir. Wir haben alles versucht, um ihn zu vermeiden.“

Den Hintergrund verständlich machen: „Unsere Umsätze sind um 30 Prozent eingebrochen. Die Fixkosten aber bleiben. Ohne Reduktion der Personalkosten überstehen wir die nächsten Monate nicht.“

Raum für Reaktionen lassen: „Ich bleibe im Anschluss hier. Wir sprechen über Ihre Fragen.“

Das ist keine Show. Das ist Verantwortung. Und genau das hätte Wirkung gezeigt.

Praxisbeispiel 1: Strategiepräsentation mit Wirkung

Sie stellen eine neue Unternehmensstrategie vor. Ziele, Zahlen, KPIs. Doch Ihr Team sitzt da mit verschränkten Armen.

Statt: „Unser Ziel ist eine Umsatzsteigerung von 15 Prozent bei gleichbleibenden Fixkosten“

sagen Sie: „Stellen Sie sich vor, wir navigieren ein Schiff durch schwierige Gewässer. Dieses neue Konzept ist unser Kompass. Es wird uns helfen, auch bei Sturm Kurs zu halten.“

Anschließend erklären Sie, was das für die Menschen bedeutet: „Diese Strategie heißt: Weniger Feuerlöschen. Mehr Gestaltungsspielraum. Mehr Einfluss auf das, was wir tun.“

Praxisübung 1: Nehmen Sie eine Folie Ihrer letzten Präsentation. Streichen Sie alle Bullet Points. Schreiben Sie stattdessen drei Sätze, die Bilder erzeugen. Dann lesen Sie laut vor. Klingt das nach PowerPoint oder nach Ihnen?

Praxisbeispiel 2: Feedback mit Feingefühl

Ein Teammitglied liefert unvollständige Berichte. Der Standardsatz: „Ihre Berichte sind in letzter Zeit lückenhaft.“

Wirksamer wäre: „Ich habe gesehen, dass die letzten Berichte nicht ganz vollständig waren. Ich weiß, wie viel Sie gleichzeitig schultern. Was hat Sie dabei gebremst?“

So entsteht ein Gespräch. Kein Urteil. Kein Rechtfertigungsdruck. Nur echte Kommunikation.

Praxisübung 2: Formulieren Sie drei typische Kritikpunkte aus Ihrem Alltag in Gesprächseröffnungen um. Ziel: Gespräch statt Anklage.

Vier Ohren, viele Botschaften

Schulz von Thun zeigt: Jede Aussage hat vier Seiten. Selbst ein scheinbar sachlicher Satz trägt Beziehung, Selbstoffenbarung und Appell in sich.

Wenn Sie mit neutraler Stimme sagen: „Wir übernehmen Projekt X ab morgen“, hört Ihr Gegenüber vielleicht: „Ihr müsst euch ab morgen doppelt anstrengen.“ Oder: „Ich bestimme hier.“

Doch was Sie wirklich sagen wollten, war vielleicht: „Ich vertraue darauf, dass wir gemeinsam erfolgreich sein werden.“ Der Unterschied liegt nicht im Inhalt, sondern im Ausdruck. Denn wie etwas gesagt wird, beeinflusst immer, was beim anderen ankommt. Wer seine Botschaft ohne jede emotionale Färbung äußert, überlässt die Interpretation dem Zuhörer. Und das ist riskant. Deshalb gilt: Stimmen Sie Tonfall, Körpersprache und Blickkontakt auf Ihre Aussage ab. Nur so sprechen Sie ganzheitlich und erzeugen Klarheit statt Verwirrung.

Deshalb: Emotion nicht verstecken. Sondern bewusst steuern.

Praxisbeispiel 3: Motivation statt Marschbefehl

Sie stellen ein neues Projektteam zusammen. Statt: „Ab nächster Woche übernehmen Sie das Projekt XY“ sagen Sie: „Dieses Projekt bringt uns mitten in den Wandel. Ich habe Sie ausgewählt, weil Sie Erfahrung und Energie mitbringen. Es wird anspruchsvoll. Und es bietet Ihnen die Chance, die Richtung mitzugestalten.“

Ergebnis: Mehr Engagement. Mehr Identifikation. Keine Roboterreaktion.

Daher: Wer Wirkung will, braucht Gefühl

Emotionen haben keinen Platz in der Kommunikation? Falsch. Sie haben ihren festen Platz. Wer spricht, beeinflusst. Wer wirkt, bewegt. Wer etwas verändern will, muss in Resonanz treten.

Keine Show. Keine Tränen. Aber Haltung, Wärme, Klarheit.

Ihr nächster Schritt: Sprechen mit Wirkung

Und das beginnt mit einem simplen Schritt: Sprechen Sie nicht über Themen. Sprechen Sie mit Menschen.

Jede Botschaft entfaltet erst dann Wirkung, wenn sie das Gegenüber erreicht – nicht nur im Kopf, sondern auch im Bauch. Verlassen Sie sich nicht allein auf Inhalte. Nutzen Sie Ihre Haltung, Ihre Stimme, Ihren Ausdruck. Und vor allem: Machen Sie sich bewusst, wen Sie erreichen wollen – und warum.

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