Eine Gesprächsrunde lebt nicht von PowerPoint. Sie lebt von Spannung, Haltung und Dynamik. Wenn Sie moderieren, stehen Sie nicht im Mittelpunkt – und genau das macht Ihre Rolle so anspruchsvoll. Sie führen, ohne zu dominieren. Sie steuern, ohne zu bremsen. Und Sie holen Menschen aus der Reserve, die sich sonst hinter Floskeln verstecken.
In diesem Beitrag zeige ich Ihnen, worauf es wirklich ankommt – mit konkreten Praxistipps, Beispielen und Übungen, die Sie direkt einsetzen.
1. Klären Sie die Spielregeln: Ziel, Rahmen, Dramaturgie
Bevor Sie die Runde eröffnen, beantworten Sie drei Fragen:
- Was soll am Ende klar sein?
- Wer sitzt auf dem Podium – und warum?
- Was erwartet das Publikum?
Eine Gesprächsrunde ohne klares Ziel verläuft wie ein Sonntagsspaziergang ohne Route. Nett – aber ziellos.
Praxisbeispiel:
Sie moderieren eine Diskussionsrunde zum Thema „Fachkräftemangel im Mittelstand“. Definieren Sie vorab: Geht es um Ursachenanalyse? Um Best Practices? Um politische Forderungen? Diese Entscheidung beeinflusst Ihre Fragen, Ihre Gäste und Ihre Dramaturgie.
Tipp: Formulieren Sie das Ziel in einem Satz. Zum Beispiel:
„Wir identifizieren heute drei konkrete Ansätze, mit denen mittelständische Unternehmen Fachkräfte gewinnen.“
Dieser Satz gibt Ihnen und den Teilnehmenden Orientierung.
2. Die richtige Themenwahl: Reibung erzeugt Relevanz
Eine gute Diskussionsrunde braucht Spannung. Harmonie bringt keine Erkenntnis.
Geeignet sind Themen, die
- unterschiedliche Perspektiven zulassen
- emotionale Betroffenheit auslösen
- konkrete Auswirkungen auf das Publikum haben
Ungeeignet sind Themen, die
- rein informativ wirken („Was ist KI?“)
- eindeutig beantwortet sind
- extrem technisch oder spezialisiert daherkommen
Je komplexer das Thema, desto klarer strukturieren Sie die Diskussion. Komplexität schreckt nicht ab – Unklarheit schon.
Praxisbeispie
Statt „Digitalisierung im Vertrieb“ formulieren Sie:
„Ersetzt KI den Vertriebsmitarbeiter – oder steigert sie seine Wirkung?“
Jetzt entsteht Spannung. Jetzt beziehen Menschen Position.
Mini-Übung für Sie:
Nehmen Sie Ihr geplantes Thema. Formulieren Sie es als Streitfrage. Wenn Sie dabei ins Schwitzen geraten, fehlt noch die Zuspitzung.
3. Zusammensetzung der Teilnehmenden: Vielfalt schlägt Titel
Viele Veranstalter setzen auf große Namen. Das Publikum wünscht sich jedoch Perspektiven.
Achten Sie auf
- unterschiedliche Rollen (z. B. Unternehmer, Wissenschaftler, Praktiker)
- unterschiedliche Temperamente
- klare Betroffenheit vom Thema
Vermeiden Sie Runden, in denen alle derselben Meinung sind. Das Publikum erkennt Einigkeit sofort – und schaltet ab.
Praxisbeispiel:
Zum Thema „Homeoffice – Fluch oder Segen?“ laden Sie
- eine Geschäftsführerin,
- einen Teamleiter,
- eine HR-Expertin
- und einen Mitarbeiter aus einem hybriden Team ein.
Vier Blickwinkel. Vier Erfahrungswelten. Das sorgt für Substanz.
4. Keynote vorweg – ja oder nein?
Eine kurze Keynote schafft Fokus. Sie setzt Impulse. Sie liefert Zahlen, Beispiele oder eine provokante These.
Doch Vorsicht: Eine 30-minütige Grundsatzrede vor einer 45-minütigen Diskussion tötet jede Dynamik.
Meine Empfehlung: Maximal 10–15 Minuten. Klare These. Klare Struktur. Klare Reibung.
Praxisbeispiel:
Der Impulsgeber startet mit:
„Wenn wir ehrlich sind, verlieren wir den Kampf um Talente nicht wegen Geld – sondern wegen Führung.“
Diese These provoziert. Sie aktiviert das Podium. Sie aktiviert das Publikum.
5. Teilnehmer aus der Reserve locken: Die Kunst der Frage
Oberflächliche Fragen produzieren oberflächliche Antworten.
Stellen Sie
- konkrete Fragen
- persönliche Fragen
- konfrontierende Fragen
Statt: „Wie sehen Sie das?“
Fragen Sie: „Was war Ihr größter Fehler in diesem Zusammenhang?“
Jetzt entsteht Substanz.
Technik: Die Zuspitzungsfrage
Wenn jemand ausweicht, fassen Sie zusammen und legen nach:
„Sie sagen, das Thema sei komplex. Was genau macht es aus Ihrer Sicht so schwierig?“
Bleiben Sie hartnäckig – wertschätzend und bestimmt.
Praxisbeispiel:
Ein Podiumsgast antwortet ausweichend: „Das hängt von vielen Faktoren ab.“
Sie greifen ein: „Nennen Sie einen entscheidenden Faktor – und ein konkretes Beispiel aus Ihrer Praxis.“
Plötzlich wird es greifbar.
6. Das Publikum einbinden: Aktivierung statt Alibi-Fragen
Viele Moderatoren stellen am Ende die berühmte Frage:
„Gibt es noch Fragen aus dem Publikum?“
Es folgt, Sie ahnen es, Betretenes Schweigen. Planen Sie daher Interaktion bewusst ein.
Möglichkeiten:
- Kurze Blitzumfrage per Handzeichen
- Publikumsfrage nach 20 Minuten
- Zwei vorbereitete Fragen aus dem Publikum
Praxisbeispiel:
Sie fragen: „Wer im Raum hat in den letzten zwölf Monaten Schwierigkeiten bei der Mitarbeitersuche erlebt?“
Hände gehen hoch. Betroffenheit entsteht. Sie greifen diese Energie auf und binden einzelne Stimmen ein.
Übung für Ihre nächste Moderation:
Formulieren Sie drei Aktivierungsfragen, die Sie gezielt ins Publikum richten. Schreiben Sie sie aus. Üben Sie sie laut. Ihre Stimme entscheidet über die Wirkung.
7. Dramaturgie: Vom Einstieg zur klaren Landung
Eine gute Gesprächsrunde folgt einer Dramaturgie:
- Einstieg mit klarer These oder provokanter Frage
- Perspektiven eröffnen
- Unterschied oder Konflikt herausarbeiten
- Lösungsansätze sammeln
- Klarer Abschluss mit Take-aways
Beenden Sie nicht mit: „Die Zeit ist leider um.“ Beenden Sie mit einer Zusammenfassung.
Praxisbeispiel für einen starken Abschluss:
„Wir haben heute drei zentrale Punkte gehört: Erstens … Zweitens … Drittens … Wenn Sie nur einen Impuls mitnehmen, dann diesen.“
Das Publikum verlässt den Raum mit Klarheit.
8. Ihre Haltung als Moderator
Sie sind Dirigent, nicht Solist. Sie geben Raum. Sie halten Struktur. Sie greifen ein, wenn jemand monologisiert.
Praxisbeispiel:
Ein Teilnehmer redet fünf Minuten am Stück. Sie unterbrechen freundlich:
„Ich möchte den Gedanken aufnehmen und in die Runde geben. Wie sehen das die anderen?“
Sie behalten die Kontrolle – souverän und ruhig.
Fazit: Moderation ist Führung auf Zeit
Eine Gesprächsrunde moderieren bedeutet, Menschen in Bewegung zu bringen. Sie erzeugen Spannung durch klare Themen, vielfältige Perspektiven und präzise Fragen. Sie aktivieren das Publikum bewusst. Sie strukturieren Komplexität. Und Sie sorgen für einen Abschluss mit Substanz.
Wenn Sie Ihre nächste Diskussionsrunde vorbereiten, stellen Sie sich diese Frage:
„Welche Erkenntnis wirkt morgen noch?“
Genau dort beginnt professionelle Moderation.

