Wer Folien braucht, hat sein Thema nicht verstanden
Das ist ein harter Satz. Und er stimmt natürlich nicht immer. Aber leider viel öfter, als uns lieb ist. PowerPoint ist eines der meistgenutzten Werkzeuge in Unternehmen. Strategiemeetings, Projektupdates, Vorstandspräsentationen, Workshops – ohne Folien scheint heute nichts mehr zu gehen. Das Problem ist nicht PowerPoint. Das Problem ist, wie es benutzt wird. Denn in vielen Fällen passiert etwas Gefährliches: Die Folien ersetzen das Denken. Und genau hier beginnt das Führungsproblem. Viele Präsentationen entstehen nicht aus Klarheit, sondern aus Unsicherheit. Also wird gesammelt, kopiert, eingefügt. Zahlen. Diagramme. Bulletpoints. Alles, was irgendwie wichtig sein könnte. Am Ende entstehen 40 Folien. Was fehlt, ist eine Antwort auf die wichtigste Frage: Was soll nach dieser Präsentation entschieden werden? Führung heißt, Entscheidungen vorzubereiten. PowerPoint wird oft zum Gegenteil: Informationsablage statt Orientierung.
Ein typisches Beispiel aus der Praxis. Ein Bereichsleiter präsentiert den Projektstatus vor der Geschäftsleitung. 35 Folien. Jede sorgfältig gestaltet. Zeitplan, Risiken, Ressourcen, Detailübersichten. Nach 25 Minuten fragt der Geschäftsführer: „Was empfehlen Sie?“ Stille. Der Bereichsleiter antwortet: „Ja, also… das hängt von verschiedenen Faktoren ab…“ Das Problem ist nicht die Präsentation. Das Problem ist: Es gab keine Position. Viele Führungskräfte nutzen Folien wie ein Schutzschild. Wer alles zeigt, kann später nicht falsch liegen. Wer nur Optionen präsentiert, übernimmt keine Verantwortung. Das ist verständlich. Aber es ist keine Führung. Eine Führungskraft muss nicht alles wissen. Aber sie muss sagen können, was sie für richtig hält. Und genau das lässt sich oft in einem Satz formulieren. Wenn Sie dafür 30 Folien brauchen, ist Ihre Position wahrscheinlich noch nicht klar.
Ein zweites Beispiel. Ein Projektleiter präsentiert monatlich vor dem Lenkungsausschuss. Immer 28 Folien. Immer derselbe Ablauf. Fortschritt, Budget, Risiken, Maßnahmen. Die Sitzung dauert eine Stunde. Nach dem Termin sagt ein Teilnehmer: „Eigentlich hätte eine Folie gereicht.“ Was er meinte: Wir liegen zwei Wochen zurück. Ursache: Lieferverzögerung. Vorschlag: Prioritäten ändern. Das ist Führung. Alles andere ist Berichtswesen. PowerPoint verführt dazu, Inhalte zu sammeln, statt zu entscheiden. Denn jede Folie stellt eine andere Frage: Was könnte noch wichtig sein? Die bessere Frage lautet: Was ist wirklich entscheidend? Führung reduziert. PowerPoint vermehrt.
Ein weiteres Problem: Folien verschieben die Aufmerksamkeit
Der Redner spricht. Das Publikum liest. Beides gleichzeitig funktioniert schlecht. Die Folge: Der Redner verliert die Kontrolle über die Aufmerksamkeit. Viele Führungskräfte sprechen dann nicht mehr mit Menschen. Sie lesen ihre eigenen Folien vor. Das ist der Moment, in dem Präsentationen ihre Wirkung verlieren. Eine einfache Regel: Wenn das Publikum alles lesen kann, braucht es Sie nicht mehr. Dann hätten Sie auch eine E-Mail schicken können.
Der eigentliche Schaden entsteht aber an einer anderen Stelle. PowerPoint verändert das Denken. Wer eine Präsentation vorbereitet, denkt oft in Folien statt in Botschaften. Punkt für Punkt. Thema für Thema. Ohne klare Linie. Das Ergebnis: Information ohne Dramaturgie. Details ohne Entscheidung. Inhalte ohne Richtung. Doch Führung bedeutet, eine Geschichte zu erzählen: Wo stehen wir? Was ist das Problem? Was schlagen wir vor? Drei Fragen. Mehr braucht es selten.
Viele glauben, Folien geben Sicherheit. In Wirklichkeit ist es umgekehrt
Wer sich hinter Folien versteckt, wirkt unsicher. Wer frei spricht, wirkt klar. Ein Vergleich aus der Praxis. Führungskraft A: „Ich habe dazu ein paar Folien vorbereitet, ich gehe da kurz durch.“ Führungskraft B: „Drei Punkte zum Projekt. Erstens: Wir sind im Zeitplan. Zweitens: Ein Risiko beim Lieferanten. Drittens: Meine Empfehlung: Wir sichern eine Alternative.“ Beide haben dieselben Informationen. Aber nur eine Person führt.
Das bedeutet nicht: Keine Folien mehr. Gute Folien können hilfreich sein. Wenn sie das Denken unterstützen – nicht ersetzen. Eine gute Folie erfüllt drei Kriterien: Sie zeigt nur eine Botschaft. Sie enthält wenig Text. Sie unterstützt das Gesagte, statt es zu wiederholen. Eine schlechte Folie erkennt man sofort: Viele Bulletpoints. Kleine Schrift. Der Redner liest vor. Dann ist PowerPoint kein Werkzeug mehr. Dann ist es ein Krückstock.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Viele Präsentationen sind nicht für das Publikum gemacht. Sie sind für den Redner gemacht. Sie geben Sicherheit. Struktur. Orientierung. Aber Führung bedeutet nicht, sich selbst zu strukturieren. Führung bedeutet, anderen Orientierung zu geben. Ein einfacher Test. Stellen Sie sich vor, der Beamer fällt aus. Können Sie Ihre Botschaft trotzdem klar erklären? In zwei Minuten? Ohne Folien? Wenn nicht, fehlt kein Medium. Es fehlt Klarheit.
Was macht die starke Führungskraft aus?
Die stärksten Führungspersönlichkeiten erkennt man an einem Merkmal: Sie können komplexe Themen einfach erklären. Nicht, weil sie weniger wissen. Sondern weil sie mehr verstanden haben. Am Ende geht es nicht um PowerPoint. Es geht um Verantwortung. Wer führt, muss entscheiden. Wer entscheidet, muss Position beziehen. Und wer eine klare Position hat, braucht selten viele Folien. Vielleicht ist die wichtigste Frage vor jeder Präsentation nicht: Welche Folien brauche ich? Sondern: Welche Entscheidung will ich erreichen? Wenn Sie das in einem Satz sagen können, werden Ihre Folien automatisch weniger. Und Ihre Wirkung deutlich größer.

