Die meisten Redner langweilen, weil sie gefallen möchten

Die meisten Redner langweilen nicht, weil sie schlecht vorbereitet sind. Sie langweilen, weil sie gefallen wollen. Das klingt hart, trifft aber einen wunden Punkt. Viele Auftritte sind sachlich, korrekt und gut gemeint. Und trotzdem bleibt nichts hängen. Der Grund ist selten fehlendes Wissen. Der Grund ist fehlende Haltung. Viele Redner haben ein stilles Ziel. Sie wollen niemanden irritieren, niemandem widersprechen und kein Risiko eingehen.

Also entsteht eine Sprache ohne Kanten. Formulierungen wie „Man könnte überlegen“, „Ein möglicher Ansatz wäre“ oder „Vielleicht sollten wir prüfen“ wirken vorsichtig und professionell. Beim Publikum kommt jedoch etwas anderes an. Keine Entscheidung. Keine Richtung. Keine Verantwortung. Freundlichkeit wird im Berufsalltag oft mit Professionalität verwechselt. Doch Wirkung entsteht nicht durch Harmonie. Wirkung entsteht durch Klarheit. Menschen folgen keiner Sammlung von Möglichkeiten. Menschen folgen einer Position.

Information ersetzt keine Position

Ein Beispiel aus der Praxis zeigt das deutlich. Ein Projektleiter präsentiert seine Analyse. Zwanzig Minuten Fakten, Zahlen und Risiken. Am Ende sagt er: „Das sind im Moment unsere Optionen.“ Dann schaut er erwartungsvoll in die Runde.

Was folgt, ist vorhersehbar. Diskussion, Rückfragen und weitere Meinungen. Schließlich fällt der Satz: „Dann denken wir nochmal darüber nach.“ Das Problem lag nicht in der Analyse. Das Problem war das Fehlen einer Empfehlung. Führung beginnt dort, wo jemand sagt: Das ist die Lage. Das ist das Risiko. Das ist meine Empfehlung.

Viele Redner vermeiden genau diesen Punkt. Nicht, weil sie ihr Thema nicht beherrschen, sondern weil eine Position angreifbar macht. Wer Optionen präsentiert, bleibt sicher. Wer eine Empfehlung ausspricht, übernimmt Verantwortung. Doch genau hier entsteht das Paradox moderner Präsentationen. Wer Konflikt vermeidet, verliert Wirkung. Menschen folgen keiner vorsichtigen Formulierung. Menschen folgen Klarheit.

Unklare Sprache erzeugt Unsicherheit

Ein zweites Beispiel. Eine Führungskraft stellt eine Veränderung vor und formuliert: „Wir möchten gemeinsam schauen, wie wir diesen Weg gestalten können.“ Das klingt kooperativ und offen. Gleichzeitig bleibt unklar, was eigentlich entschieden ist.

Das Publikum fragt sich: Ist das eine Idee, eine Diskussion oder bereits eine Richtung? Unklare Sprache erzeugt Unsicherheit. Klare Sprache erzeugt Orientierung. Viele Redner glauben, Klarheit wirke hart oder autoritär. In Wirklichkeit passiert das Gegenteil. Unklare Kommunikation belastet Teams, weil sie Interpretationsspielräume lässt. Klare Kommunikation entlastet, weil sie Orientierung gibt.

Der Wunsch zu gefallen hat noch eine zweite Nebenwirkung. Präsentationen werden länger. Wer niemanden verärgern will, erwähnt alle Perspektiven, alle Risiken und alle Details. So entsteht Vollständigkeit, aber keine Priorität. Das Ergebnis kennt jeder aus Meetings. Viele Worte, viele Folien und wenig Wirkung. Die eigentliche Botschaft geht in der Ausgewogenheit verloren.

Wirkung entsteht durch Entscheidung

Der stärkste Hebel in der Rhetorik ist erstaunlich einfach. Eine klare Position in einem Satz. Wenn dieser Satz fehlt, passiert etwas Typisches. Der Redner spricht länger. Länge ersetzt dann Klarheit. Das Publikum spürt diese Unsicherheit sofort. Unentschlossene Sprache wirkt nicht neutral. Sie wirkt unsicher. Und Unsicherheit überträgt sich.

Die entscheidende Frage vor jeder Präsentation lautet deshalb nicht: Habe ich alle Aspekte berücksichtigt? Die entscheidende Frage lautet: Wofür stehe ich hier eigentlich? Gute Redner beantworten drei Punkte. Das ist die Situation. Das ist das Problem. Das ist meine Empfehlung. Mehr braucht es oft nicht. Interessanterweise entsteht genau an diesem Punkt das meiste Lampenfieber. Nicht beim Sprechen, sondern beim Festlegen. Eine Position macht sichtbar, und Sichtbarkeit bedeutet Verantwortung.

Viele Präsentationen scheitern deshalb nicht an mangelnder Kompetenz. Sie scheitern an Vorsicht. Doch Vorsicht ist kein Führungsstil. Ein Publikum erwartet keine perfekte Lösung. Es erwartet Orientierung. Vielleicht lohnt sich vor dem nächsten Auftritt eine kurze Selbstprüfung. Wenn Sie fertig sind mit Ihrer Präsentation, kann das Publikum diesen Satz beantworten: „Die Empfehlung des Redners lautet …“

Wenn dieser Satz fehlt, war der Auftritt wahrscheinlich freundlich, aber nicht wirksam. Denn die meisten Präsentationen scheitern nicht an Wissen. Sie scheitern an Mut.

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