Clickbait in Reden – Genialer Aufhänger oder billiger Trick?

Was ist „Clickbait“ in einer Rede?

„Clickbait“ kennt man aus dem Internet. Überschriften wie „Sie werden nicht glauben, was dann passierte…“ oder „Diese eine Sache hat sein Leben für immer verändert!“ ziehen Leser an – oft mit übertriebenen oder emotional aufgeladenen Aussagen. Ziel: Aufmerksamkeit um jeden Preis.

In Reden funktioniert dieser Mechanismus ähnlich. Der Begriff Clickbait mag digital klingen, aber das Prinzip dahinter ist uralt: Aufmerksamkeit gewinnen, Neugier wecken, Spannung erzeugen. Genau das braucht jede gute Rede – also: Ist Clickbait in der Rhetorik clever oder manipulativ?

Der kleine Schockeffekt am Anfang – erlaubt?

Stellen Sie sich vor, eine Rednerin beginnt mit folgendem Satz: „Erschreckend: 14 Prozent aller deutschen Ingensere / Ingenieure / Injenöre sind funktionale Analphabeten.“ Was passiert in diesem Moment im Publikum? Die Köpfe gehen hoch. Die Aufmerksamkeit ist da. Die Leute fragen sich: „Wie bitte? Das kann doch nicht sein!“ Genau das ist der Einstiegseffekt, den viele Redner anstreben – und hier kommt Clickbait ins Spiel.

Oder:

„Die Lesequote sinkt mit zunehmendem Alter – und das in einer der gebildetsten Gesellschaften Europas.“ Auch hier: Schock. Überraschung. Neugier. Der Zuhörer ist angefixt.

Wo liegt die Grenze zwischen clever und reißerisch?

Clickbait in Reden funktioniert – wenn der Rest der Rede hält, was der Einstieg verspricht. Wer jedoch nur einen dramatischen Einstieg bringt, dann aber inhaltsleer bleibt, verliert das Publikum schnell wieder. Die Formel lautet also:

Starke These + fundierte Inhalte = Wirkung

Beispiel:

Nicht überzeugend: „In Deutschland stirbt jede Woche ein Verein!“

Dann folgen zehn Minuten über Vereinsmeierei und persönliche Erinnerungen – ohne Daten, ohne Tiefe. Das Publikum fühlt sich veräppelt.

Überzeugend: „In Deutschland stirbt jede Woche ein Verein – laut einer Studie des Statistischen Bundesamts. Zwischen 2010 und 2020 sank die Zahl aktiver Vereine um 14 Prozent. Warum das ein Alarmzeichen für unsere Demokratie ist, erkläre ich Ihnen heute.“

Hier stimmt das Paket. Der Einstieg ist plakativ, aber begründet. Die Spannung bleibt, der Redner liefert Fakten, Analysen und Lösungsvorschläge.

Praxisbeispiel: Dramatische Thesen im Businesskontext

In Unternehmenspräsentationen oder Pitches lassen sich Clickbait-Mechanismen gezielt nutzen:

Beispiel 1 – Vertrieb: „80 Prozent Ihrer Leads verschwinden, bevor Ihr Vertrieb sie überhaupt sieht.“

Danach folgt ein datenbasierter Vortrag zur Optimierung von Lead-Prozessen.

Beispiel 2 – HR: „Der wahre Grund, warum Ihre besten Talente kündigen, steht nicht im Exit-Gespräch.“

Im Anschluss: Eine fundierte Analyse zu Mitarbeiterbindung und Unternehmenskultur.

Beispiel 3 – Change-Management: „Digitalisierung scheitert nicht an Technik – sondern an Menschen.“

Danach: Praxisbeispiele, wie Change-Kommunikation Teams retten kann.

Diese Thesen funktionieren, weil sie Emotionen wecken und gleichzeitig ein echtes Problem anreißen. Sie sind Aufhänger, keine Ablenkung.

Praxisübung: Ihren Redebeginn auf Clickbait testen

  1. Formulieren Sie den Einstieg Ihrer nächsten Rede als Schlagzeile. Denken Sie an Online-Artikel: kurz, knackig, provozierend.
  2. Bewerten Sie den Wahrheitsgehalt. Ist Ihre Aussage belegbar? Oder zu dick aufgetragen?
  3. Testen Sie, ob der Rest der Rede den Erwartungen entspricht. Wenn Sie eine „erschreckende Zahl“ nennen – kommt danach mehr als nur Bauchgefühl?
  4. Testpublikum befragen. Geben Sie Freunden oder Kollegen nur den Einstiegssatz und fragen Sie: „Was erwarten Sie jetzt? Was würden Sie als nächstes hören wollen?“

Diese Technik schärft nicht nur Ihre Dramaturgie, sondern bringt Sie auch näher ans Publikum.

Aufgepasst: Clickbait – mit Verantwortung einsetzen

Redner, die mit einem „Clickbait“-Einstieg arbeiten, spielen mit Erwartungen. Das ist nicht verwerflich – im Gegenteil: Es ist oft notwendig. Aber: Wer Erwartungen weckt, muss auch liefern. Vertrauen gewinnt, wer Emotionen mit Substanz verbindet. Ein starker Einstieg macht wach. Der Rest der Rede entscheidet, ob das Publikum auch bleibt.

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