„Seien Sie einfach authentisch.“
Diesen Satz höre ich in Trainings, Coachings und Führungsetagen ständig. Er klingt gut. Ehrlich. Menschlich. Fast schon moralisch überlegen. Und genau deshalb ist er gefährlich. Denn in der Praxis bedeutet „authentisch sein“ oft etwas ganz anderes: „Ich rede halt, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“ „Ich bin eben kein Präsentationstyp.“ „Ich verstelle mich nicht.“ „So bin ich nun mal.“ Die Folge: lange, unklare Beiträge. Monotone Vorträge. Unsichere Auftritte. Und am Ende das Gefühl beim Publikum: nett gemeint – aber schwer auszuhalten. Zeit für eine unbequeme These: Authentizität ist kein Qualitätsmerkmal. Wirkung schon.
Viele Menschen setzen Authentizität mit Spontaneität gleich. Mit Ungefiltertheit. Mit „einfach drauflos“. Aber stellen Sie sich zwei Situationen vor. Ein Arzt sagt: „Also, ich sag’s mal ganz ehrlich, ich bin mir nicht ganz sicher, aber wir probieren das jetzt einfach mal.“ Authentisch? Vielleicht. Vertrauenswürdig? Eher nicht. Oder ein Pilot im Cockpit: „Ich fliege heute nach Gefühl. Ich will mich nicht verstellen.“ Sie sehen das Problem. In verantwortungsvollen Rollen erwarten Menschen nicht Authentizität. Sie erwarten Klarheit. Sicherheit. Orientierung. Und genau das gilt auch für Führungskräfte, Projektleiter, Fachleute – für jeden, der vor anderen spricht.
Praxisbeispiel: Ein Ingenieur präsentiert ein Projekt vor der Geschäftsleitung. Er beginnt so: „Ja, also ich habe mal ein paar Folien vorbereitet. Ich gehe da jetzt einfach mal durch. Wenn Fragen sind, können Sie jederzeit unterbrechen.“ Dann klickt er sich durch 28 Folien. Viel Text. Viele Details. Kaum Struktur. Monotone Stimme. Nach 30 Minuten fragt der Geschäftsführer: „Was genau empfehlen Sie uns jetzt?“ Der Ingenieur wirkt überrascht. Schließlich war er doch authentisch. Er hat alles gezeigt, was er weiß. Das Problem: Er hat Informationen geliefert. Aber keine Führung. Authentizität ersetzt keine Struktur.
Zweites Beispiel: Eine Bereichsleiterin hält eine Rede zum Thema Veränderung. Vorher sagt sie: „Ich halte nichts von einstudierten Reden. Ich spreche einfach frei. Das bin ich.“ Die Rede klingt dann so: „Ja, also… wir stehen vor einigen Herausforderungen… und äh… wir müssen jetzt gemeinsam schauen, wie wir das angehen…“ Inhaltlich korrekt. Menschlich gemeint. Aber die Wirkung? Unsicherheit. Zögern. Keine Richtung. Die Mitarbeiter denken nicht: „Wie authentisch.“ Sie denken: „Weiß sie eigentlich, wo wir hinwollen?“
In der Rhetorik gilt ein einfacher Grundsatz
Das Publikum bewertet nicht Ihre Persönlichkeit. Es bewertet Ihre Wirkung. Klingt die Stimme klar? Ist die Botschaft verständlich? Gibt es eine Struktur? Wirkt die Person sicher? Niemand sagt nach einem Vortrag: „Inhaltlich schwach, aber herrlich authentisch.“ Was Menschen überzeugt, ist Klarheit. Präsenz. Orientierung. Und das entsteht nicht zufällig. Das entsteht durch Vorbereitung.
„Aber ich will mich nicht verstellen!“ Dieser Einwand kommt fast immer. Die gute Nachricht: Professionell zu sprechen heißt nicht, eine Rolle zu spielen. Es heißt, bewusst zu entscheiden, wie man wirkt. Ein Beispiel: Sie sprechen mit einem Freund anders als mit einem Kunden. Mit einem Kunden anders als mit Ihrem Vorstand. Mit Ihrem Vorstand anders als auf einer Konferenz. Sind Sie deshalb unauthentisch? Nein. Sie sind situationsgerecht. Gute Rhetorik bedeutet nicht, jemand anderes zu werden. Sie bedeutet, die eigene Wirkung zu steuern.
Praxisvergleich: Zwei Projektleiter berichten über den gleichen Status. Projektleiter A: „Also, wir haben im Moment ein paar Themen… vor allem bei der Schnittstelle… und da müssen wir nochmal nacharbeiten…“ Projektleiter B: „Drei Punkte zum Projektstatus: Erstens: Zeitplan – wir liegen eine Woche zurück. Zweitens: Ursache – Schnittstellenprobleme zum Lieferanten. Drittens: Maßnahme – tägliches Abstimmungsmeeting ab morgen.“ Beide sagen die Wahrheit. Beide sind sie selbst. Aber nur einer wirkt souverän.
Warum ist der Authentizitäts-Mythos so beliebt?
Weil er entlastet. Keine Vorbereitung. Keine Struktur. Kein Training. Wenn es schlecht läuft, kann man sagen: „So bin ich eben.“ Doch in der beruflichen Kommunikation ist das ein riskanter Ansatz. Wirkung entsteht nicht durch Persönlichkeit allein. Sie entsteht durch Handwerk.
Was stattdessen hilft? Klarheit vor Spontaneität. Bevor Sie sprechen, beantworten Sie eine Frage: Was soll nach meinem Beitrag im Kopf der Zuhörer bleiben? Wenn Sie das nicht in einem Satz sagen können, wird Ihr Publikum es auch nicht verstehen. Struktur vor Details. Drei Punkte, eine klare Reihenfolge, eine klare Empfehlung. Menschen merken sich keine Inhalte. Sie merken sich Struktur. Vorbereitung vor Mut. Viele hoffen auf Spontaneität. Profis verlassen sich auf Vorbereitung. Ein guter Test: Können Sie Ihre Botschaft laut, frei und in zwei Minuten erklären? Wenn nicht, fehlt keine Authentizität. Es fehlt Klarheit.
Die unbequeme Wahrheit
Viele schwache Auftritte werden mit Authentizität entschuldigt. Monoton? „Ich bin halt kein Showtyp.“ Unstrukturiert? „Ich rede frei.“ Unsicher? „Ich verstelle mich nicht.“ Doch das Publikum erlebt etwas anderes: Unklarheit. Unsicherheit. Orientierungslosigkeit. Und genau das kostet Einfluss.
Echte Wirkung entsteht, wenn Persönlichkeit und Handwerk zusammenkommen. Wenn Stimme, Struktur und Körpersprache zu Ihnen passen. Dann wirkt ein Auftritt nicht künstlich, sondern souverän. Und das Paradoxe ist: Je besser vorbereitet jemand ist, desto authentischer wirkt er. Weil nichts mehr wackelt.
Wenn Sie das nächste Mal sagen wollen: „Ich war einfach authentisch“, stellen Sie sich drei Fragen: War ich klar? War ich verständlich? War ich wirksam? Denn im Beruf zählt nicht, wie echt Sie sich fühlen. Sondern was bei anderen ankommt.

